Letzte Aktualisierung: 07.05.2009

 



Die 10 neuesten Rezensionen
Verlags-Liste
Partner-Karte
News
Surfen mit dem Büchervielfrass

Der Newskij-Prospekt

Russlands Unterwelten

Europa zwischen Ost und West

Schwarzes Eis

Waisen des Lebens

Das Erbe des Bösen

Das russische Labyrinth

Transsibirische Eisenbahn

Festung Breslau

Die Stadt im Westen

Apfel, Huhn und Puschkin
von Belomlinskaja, Julia <übersetzt von: Meltendorf, Friederike> (Russland)

Partner Download - Hier können Sie das passende Word-Document downloaden.

Genre:

Roman autobiografisch

Stichwörter:

russisch-jüdische Emigrantin, USA, St. Petersburg

Verlag:

Matthes & Seitz Verlag

ISBN:

978-3-88221-883-1

Format:

gebunden, 288 S.

Erscheinungsjahr:

russisch 2004, deutsch 2007

Preis:

€ (D) 19,80 / sFr 33,60



Buchbesprechung

Ein sehr freizügiger, emotionaler, auch sprachlich sehr direkter Roman, teilweise voller Sex – fast obszönem Sex. Man könnte darüber streiten, ob es nicht etwas „zu viel des Guten“ ist. Ich überlegte sogar, ob ich das Buch nicht zur Seite legen soll. Ich tat es nicht und war am Ende froh darüber.
Der Roman – der eigentlich autobiografisch ist (siehe „Dem guten Käufer“) – ist ein klassischer Emigrantenroman. Zwar wahrlich nicht klassisch in der Sprache – hier ist er absolut modern und zeigt unsere heutige Zeit –, dagegen ist es das klassische Thema des russischen Emigrantenschicksals mit dem Verlust der Heimat und seiner Sehnsucht nach ihr, mit der fast schon verzweifelten Suche nach Glück und Geborgenheit – nichts anderes sind die wilden Sexeskapaden – und letztendlich der Zufriedenheit und Ruhe, wieder im angestammten Kulturkreis, auch der ganz realen heimatlichen Umgebung angekommen zu sein.
Julia Belomlinskaja, in der russischen Literatur sehr bewandt, ist etwas Großartiges gelungen: Nachdem die vielen und großen Romane der russischen Emigranten von G.W. Adamowitsch über Berdjajew, Berberowa, Bunin, Nabokow, Sajzew bis Zwetajewa (um nur einige zu nennen) – eben die typischen Emigrantenschicksalsromane – endgültig (wie ich meine zu Unrecht) der Vergangenheit anzugehören schienen, hat sie dieses typisch russische Genre in unsere moderne Zeit transferiert. Und das zu Recht, denn es hat sich an der inneren und auch äußeren Situation der Emigranten nichts geändert; und nicht wenige Russen (sogar Russlanddeutsche) gehen trotz möglicher wirtschaftlicher Nachteile wieder zurück, weil sie sich von ihren Wurzeln abgehackt fühlen und so nicht leben können.


Ein Hinweis zum Lesen des Romans: Manche Dinge werden einem deutschen Leser nicht so geläufig sein. Im Nachtrag hat die Übersetzerin Friederike Meltendorf wichtige Anmerkungen zu Themen und Namen gemacht; es empfiehlt sich, diese beim Lesen im Auge zu behalten.

Inhalt:
Ende der 80er Jahre sind Julia, die Ich-Erzählerin, ihre Tochter Polina und Julias Eltern, eine Petersburger Künstlerfamilie, auf der Flucht vor einem drohenden Bürgerkrieg als Juden aus Russland in die USA ausgewandert. Einem langweiligen Leben in Midwest Indiana folgt ein turbulentes Leben in New York, wo sie alle Höhen und besonders Tiefen der Bohème mit all ihrer russisch-jüdischen Leidenschaftlichkeit intensiv erlebt. Sie lebt dort ähnlich frei wie im geliebten Petersburg, wo das Leben für sie von drei Begriffen verkörpert wird: Äpfel, Hühner und Puschkin. Dieser Sehnsuchtsort ist ständiger Bezugspunkt ihres Denkens, Amerika wird ihr immer fremd bleiben. Sie verfällt in Depressionen, exzessiven Sex und beginnt zu trinken. Halt findet sie schließlich in der Religion und im Russentum, womit sie schließlich doch noch Geld verdient, indem sie russische Liederabende veranstaltet. Doch immer wieder verstrickt sie sich in unglückliche Affären, schließlich wird bei ihr Gebärmutterkrebs diagnostiziert, sie wird aber geheilt und zieht zurück nach Russland. Dort sind fast alle Juden ausgewandert, Zugehörigkeit und Identität sind die Themen vieler Gespräche, die sie mit ihrer in Amerika sozialisierten Tochter führt. Julia konnte nicht in Amerika leben. Erst in Petersburg beginnt sie wieder glücklich zu sein.

Die Autorin:
Julia Belomlinskaja
wurde in Petersburg geboren. Ihre Mutter ist die Kinderbuchautorin Viktoria Belomlinskaja, ihr Vater Künstler Michail Belomlinskij. Ende der 80er Jahre emigriert sie nach New York, von wo sie 2000 wieder zurückkehrt. Heute lebt sie wieder in Petersburg als Schriftstellerin, Sängerin und Regisseurin.

Leseprobe:
Dem guten Käufer
Guter Käufer, lieber Leser, nimm ohne Gram die Armut der Sprache und den primitiven Stil dieses Buches hin. Es handelt sich um angewandte Philosophie, umhüllt von den intimen Erlebnissen der Heldin wie Nüsse von Schokolade. Im Gegensatz zur abstrakten Philosophie kann man sie einfach nehmen und auf das eigene Leben anwenden. Sie wird dir helfen, einen neuen Blick auf dein eigenes Dasein zu werfen, und du wirst feststellen, dass, ungeachtet deines Geschlechts, Alters und sozialen Status, dein Leben gleichmäßig und angenehm dahinfließt. Du kannst dir sicher sein, dass alle Ereignisse, Namen und Orte, die in diesem Buch genannt werden, real sind und dass selbstverständlich jede Behauptung der Autorin eine Wahrheit in letzter Instanz darstellt, absolut und nicht teilbar. Denn das ist eine Eigenschaft der angewandten Philosophie, die nicht im stillen Kämmerlein verfasst, sondern erlebt wird, sei es in einem königlichen Palast oder in einem Hinterhof voller Essensreste. Auf der Mercer Street, auf der Großen Konjuschennaja, auf der Rue Pigalle... Zu wissen, dass in New York, Sankt Petersburg und Paris die Pritschen in der Untersuchungshaft genau gleich breit sind, führt zu besonderen philosophischen Betrachtungen über die Einheit der Welt und die Brüderlichkeit unter den Menschen. Erwerben kann man ein solches Wissen allerdings nur mit dem eigenen Rücken. Doch ich verschone dich, guter Käufer, es ist nicht nötig, dass du höchstpersönlich wie ein Nomade durch die Betten der Welt ziehst oder Gefangnisse von innen kennen lernst, denn ich werde voll Freude meinen reichen Erfahrungsschatz mit dir teilen.
Ich möchte denen danken, die sich von meiner Jugend nicht haben beirren lassen und mir die Möglichkeit gaben, der Welt mein tiefes Wissen über das Leben und mein richtiges Verständnis der Wirklichkeit nahe zu bringen, das ich in Vollkommenheit erwarb, da ich als einsames kleines weißes Segel im Nebel des grausamen Lebensmeeres schwamm.

Das Arme Mädchen Julia Belomlinskaja
(Im russischen Original heißt der Roman »Das arme Mädchen oder Apfel, Huhn, Puschkin«)

Über Schwimmende und Reisende
Ich ging zwei Mal in der Woche zu ihm. Wir rauchten etwas, ohne konnte er schon lange nicht mehr Liebe machen, dann gingen wir ins Bett, und das war erstaunlich gut: Ich fühlte, dass Petersburg in mir war, all seine Türme und Turmspitzen, die goldene Nadel der Admiralität, all seine Steine und die wilden Pferde der Annitschkow Brücke am Newskij, all seine Tauben (ihre Stimmen sind wirklich so: halb Krächzen, halb Stöhnen) und alle Torbögen.
Denn Jarmola, ja Jarmola ist einer von uns, er riecht nach Piter, meinem Petersburg: nach Sumpf, Stint und Schimmel, wie könnte man den nicht lieben?
Wenn er mit mir ist, ist es, als ob ich wieder zu Hause wäre. Hier braucht man viele dieser Als obs.
Das ist meine Arbeit: Ein kleines Atelier an der 8. Ecke 30. Straße; außer der Chefin, einer jungen Amerikanerin, sind dort Ira, ich und vier Georgier, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind, Bruder und Schwester und noch mal Bruder und Schwester, alle von der Kunstakademie in Tbilissi.
Ira kommt von der Kunsthochschule Mucha in Petersburg und war schon dort meine beste Freundin (ich habe sie hierher nach New York gezerrt), ich selber habe Bühnenbild am Theaterinstitut studiert. Wir alle nennen uns stolz Textilkunst-Designer und entwerfen vorwiegend abstrakte Muster für teure Herrenoberhemden. Das ist eine leichte und angenehme Arbeit, Ira und mir scheint es, als ob wir in einem Atelier des Mucha seien oder im Theaterinstitut oder in der Akademie: Sechs Tische, ein Diwan, ein Kaktus, eine Kaffeemaschine, freitags trinken wir, und die Georgier singen. Die Chefin hat uns allen Schlüssel gegeben, wir arbeiten, wann wir wollen, sie allerdings von 9 bis 5 - in dieser Zeit arbeiten die Auftraggeber.
Doch zu einer Freundschaft mit den Georgiern kommt es nicht - sie sind zu sehr drin in dieser neuen Welt, reden die ganze Zeit über Geld oder darüber, was sie Neues im Fernsehen gesehen haben. Und über Essen natürlich, das ist ein Muss. Die Chefin ist mit ihnen befreundet und gibt ihnen fast alle Arbeit, wir bekommen den Rest. Aber irgendwie kommen wir über die Runden.
Ira und ich sprechen wie früher nur über Liebe und über Bücher, die Bücher bekommen wir per Post (wie es sich für höhere Töchter aus der Provinz gehörte, damals im alten Russland, im einstigen, vorrevolutionären), wir bestellen sie zusammen und lesen sie nacheinander. Als ob wir zu Hause wären, auf der Petrograder Seite. Ich in der Oranienbaumskaja, sie um die Ecke in der Gatschinskaja. Morgens wachten wir auf und telefonierten: Bei wem wollen wir Kaffee trinken? Das Glück des nicht-normierten Arbeitstags...
Sie hatte mich auch zum Flugzeug gebracht. Alles Mögliche hätte ich vermutet, als ich „für immer“ nach Amerika ging, aber nicht, dass diese verrückte Kaffeetrinkerei weitergehen würde, hier, in New York.
Ein Jahr später schrieb ich ihr einen Brief, nach dem ersten Putsch brachte sie ihn mit und las mir diese Zeilen vor: »... Hau dort ab, hau so schnell wie möglich ab! Nicht dich, Aljoscha musst du von dort wegbringen - er ist zu gut, der Junge. Du weißt doch, wie es bei uns ist, die bauen Scheiß, vielleicht gar nicht so schlimm, vielleicht kommen sogar nur fünf Jungs um, aber das werden die besten sein, genau solche wie deiner, weil solche vor die Panzer springen, fürs Vaterland, als erste - immer. Auch deiner wird davor springen. Schaff ihn raus!«
Nun, ich hab mich bei meiner Prophezeiung um zwei Jungs verschätzt. Einer von ihnen wurde direkt auf meinen Rat hin weggeschafft - Ira nahm ihren Sohn, warf ihn bei entfernten Verwandten in Deutschland ab (sie stammt aus einer deutschen Uhrmacherfamilie in Petersburg) und kam dann hierher, weiß der Himmel wegen was für einem Schwanz, Ira, die schönste Muschi vom Mucha, kleiner Scherz, aber im Grunde war zu Beginn meiner Erzählung schon klar, warum. Da war am Horizont bereits ein Jude aus Czernowicz aufgetaucht: Emil Ludmer (Ira nannte ihn der Einfachheit halber Schurik), der das Petersburger Konservatorium durchlaufen hatte, Klavierklasse, Israel, Belgien (wo er Grund und Boden kaufte, Vasall des belgischen Königs wurde und ohne größere Umstände die belgische Staatsbürgerschaft bekam), Paris (wo er im Schloss eines Grafen lebte und als Pianist mit einem Schiffchen die Seine auf und ab fuhr) und schließlich New York (sein unruhiger Geist beförderte ihn aus Paris in eine kleine Armenwohnung auf der East-Side; die ist ein Juwel, sage ich euch). Sein zweites Juwel war der Traum jedes Provinzjuden: eine schöne Schickse, also Ira. Ira war damit untergebracht, ich noch nicht so ganz.
Jarmola liebte mich irgendwie nicht. Das heißt, er liebte mich physisch, in gesunden physiologischen Abständen von drei, vier Tagen, aber seine Seele ging eindeutig nicht mit mir ins Bett. Das war in allem spürbar: Er bot mir keine Suppe an (er war sowieso ein bisschen geizig wie viele alte Junggesellen, und wenn er Damen den Hof machte, drückte sich das eben nicht in Restaurantbesuchen aus, sondern darin, dass er ihnen Pilzsuppe kochte; meine Vorgängerinnen erzählten, die Suppe sei voll Sand und ungesalzen gewesen, aber mir bot er nicht einmal die an). Wenn er eingeladen war, nahm er mich nicht mit, er mochte es nicht mal, wenn ich über Nacht blieb. Trotzdem blieb ich manchmal, saß dann auf dem Badezimmerfußboden und schrieb dort an einem Gedichtzyklus über zwei Petersburger Drogensüchtige, die im Armenhotel Washington-Jefferson wohnen. Das Poem hieß Seemannsherz und handelte von meiner Liebe zu Jarmola, das heißt von meiner Sehnsucht nach der Heimat, über die ich nicht direkt sprechen durfte, da wir alle selbst die Heimat für uns abgeschafft hatten und, scheiße noch mal, was nun? Die aus Jarmolas Welle, die hatten noch das Recht sich zu sehnen, die waren aus dem Land vertrieben worden vom bösen KGB, aber wir, wir waren quasi aus Angst vor seiner Abwesenheit weggegangen.
Also musste man jetzt so tun, als ob all das normal, gut und richtig sei. Als ob bei uns zu Hause nicht noch eine kleine Revolution stattgefunden hätte und jetzt gerade kein harmloser Bürgerkrieg laufen würde, nein, wir lieben einfach die Freiheit und die Demokratie, oder wir lieben die amerikanische Kultur und Sprache so sehr, oder wir lieben eben das Reisen, ja, lustig durch die Welt ziehen und fremde Länder sehen... Auch damals, zur Zeit des Tauwetters, waren viele russische Kulturschaffende zu ausgelassenen Reiseliebhabern geworden, zu Touri-Toura-Touristen. In Vorworten von Büchern aus den 60ern steht gerne so etwas wie: »... 1922 übersiedelte Bachtin mit seiner Familie nach Saransk... « nach dem Motto, er hatte es satt in Moskau-Petersburg, es zog ihn nach Saransk, in die tiefe Provinz... Das letzte Mal begegnete mir dieser Stil bei Vanja Tolstoj im Vorwort zu Nabokow: »Der unermüdliche Reisende Nabokow verließ aus unbekanntem Grund Mitte der Dreißiger Berlin und Ende der Dreißiger Paris« - warum tat er das? Andere lebten ruhig, Bunin und so weiter, aber dieser Grashüpfer, sieh mal an, hüpft und hüpft. Das schrieb Vanja in altgewohnter Sowjetmanier in schon freien Zeiten und wollte auf diese Weise das unangenehme Wort „Jude“ umgehen, beziehungsweise im Fall Nabokows das völlig unliterarische Wort „Jüdin“, warum denn darüber schreiben, das ist doch Terrain der Antisemiten, diese schmutzigen Verleumdungen, dass sich Jüdinnen immer russische Genies greifen. Vanja ist ein sauberer Mensch, und wisst ihr, selbst wenn „die Löffel wieder aufgetaucht sind, ein unangenehmer Nachgeschmack bleibt“ - solche Worte sind unnötig, die machen nur nervös, und sei es drum, lieber fährt Nabokow lustig herum, reist von Ort zu Ort wie Bachtin und die anderen...
Jetzt hier mussten wir in eigener Sache Vanja werden und eine Blende im Kopf einbauen. Ja, wir reisen durch Österreich und Italien, ja, mit Omas und Kindern, ja und? Omas und Kinder möchten auch die Welt sehen. ….


erstellt am: 07.09.07

In den Warenkorb legen In den Warenkorb legen



Hier findet jeder sein Buch.

Archiv Suche:


Biographien

Berichte

Erinnerungen

Erzählungen

Krimis und Thriller

Kurzgeschichten

Novellen

Romane

Sachbücher

Saga

Alle Genres