Buchbesprechung Salim Alafenisch ist ein ganz großer Erzähler in orientalischer Tradition aber in unserer Modernen Zeit. Seine Geschichten haben immer einen wirklichen Hintergrund und sind so orientalisch-farbig erzählt, dass man unweigerlich die Bilder seiner Geschichten vor Augen hat. Ihn zu lesen, entschädigt für so manches kalt und nüchtern geschriebenes, allenfalls mit Emotionen spielenden, heutiges Stück Literatur. Nicht Sensationen und Grausamkeiten sind seine Themen, einfach Alltägliches, das aber durch seine Brille gesehen, oder besser: durch seine Feder geflossen, etwas Besonderes wird. Ihm geht es um das Verstehen der Menschen untereinander, Kulturen übergreifend. Er will Freude vermitteln, und das gelingt ihm auch.
Inhalt:
Salim Alafenischs Stamm in der Negev-Wüste wird von einer Nachbarsippe des Mordes verdächtigt. Als alle Vermittlungsbemühungen scheitern, willigt der Vater, der Scheich des Stammes, in die radikalste Wahrheitsprobe ein, die das uralte Recht der Beduinen kennt: die Feuerprobe. Wenn sein ältester Sohn die Feuerprobe besteht, gilt der Stamm als unschuldig. Wenn er sie nicht besteht, müssen vier Männer zur Sühne sterben.
Nun beginnt ein Drama, das sich über viele Jahre hinzieht. Kriege ziehen ins Land, das alte Leben der Beduinen wird umgewälzt. Doch zuletzt finden sich alle wieder in der Hütte eines Feuerproberichters in Ägypten. Nach altem, magischen Ritual führt er mit einer rot glühenden Pfanne den Wahrheitsbeweis, das Gottesurteil, durch.
Das Geheimnis der Feuerprobe wird Salim Alafenisch nicht mehr loslassen. Er reist zurück zum Feuerproberichter und erforscht dieses Ritual, das bis zum heutigen Tag unter der Oberfläche der Moderne weiterlebt.
Die reale Praxis der Feuerprobe hat Salim Alafenisch als Student der Ethnologie 1982 erforscht.
Hier seine wissenschaftliche Publikation
Der Autor:
Salim Alafenisch wurde 1948 als Sohn eines Beduinenscheichs in der Negev-Wüste geboren. Als Kind hütete er die Kamele seines Vaters, mit vierzehn Jahren lernte er lesen und schreiben. 1971 legte er in Nazareth das Abitur ab. Nach einem einjährigen Aufenthalt in London am Princeton College studierte er Ethnologie, Soziologie und Psychologie in Heidelberg, wo er seit 1973 lebt. Salim Alafenisch war von 1984 bis 1989 in der Erwachsenenbildung tätig. Er veröffentlichte mehrere Abhandlungen über die Beduinen. In zahlreichen Lesungen, Rundfunk- und Fernsehsendungen vermittelt Salim Alafenisch ein eindrückliches und lebendiges Bild der Beduinenkultur.
Die Kunst des Geschichtenerzählens hat Salim Alafenisch von seiner Mutter gelernt. Im Zelt seines Vaters, in dem Recht gesprochen und Gäste empfangen wurden, nahm er die Traditionen seines Stammes in sich auf und trägt sie nun weiter. In seinen Geschichten, die sich an Erwachsene, Jugendliche und Kinder richten, erzählt er vom Alltagsleben der Nomaden, von Sitten und Bräuchen der Stämme, von der Geschichte seines Volkes, aber auch vom Zusammenprall von Tradition und Moderne. Zu der geschilderten Welt gehören nicht nur das ungebundene Leben der Beduinen, Zelte und Lagerfeuer, Familienfeste, der nächtliche, zum Träumen anregende Sternenhimmel und die vielfältigen Zeremonien beim Ausschenken des gewürzten Kaffees. Er berichtet ebenso vom Umzug aus dem Zelt in ein steinernes Haus, von den Veränderungen, die der Bau des Suezkanals und die Ankunft von Kolonialbeamten mit ihren neuartigen Gesetzen mit sich brachten. Als bleibende Erinnerung eines in der Wüste geborenen Jungen nennt Salim Alafenisch die Nächte unter einer gemeinsamen Decke mit zweien seiner Geschwister. Der jahrelange allnächtliche Kampf um den Platz in der Mitte habe seine Jugendjahre geprägt – und augenzwinkernd schlägt er den Bogen zur westlichen Welt, in der sich die Politiker auch um den Platz in der Mitte streiten.
Seiner Stammeskultur ist er nach wie vor eng verbunden. Er sagt von sich, dass er nicht zwischen, sondern in zwei Kulturen lebe. Trotz der Situation im Nahen Osten wolle er keine Schreckensbilder zeichnen, denn die abendländische Kultur und das Wissen des Morgenlandes stünden sich nicht feindselig gegenüber, vielmehr befruchteten sie sich seit Jahrtausenden.
Salim Alafenisch ist Kulturbotschafter der Deutschen Welthungerhilfe. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Der Weihrauchhändler
Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek
Leseprobe:
Die Mordgeschichte, die diesem Buch zugrunde liegt, ereignete sich im Herbst des Jahres 1966. Vierzehn Jahre danach sprach die Feuerprobe das letzte Wort in dem Vorfall.
Immer wieder habe ich den Versuch unternommen, diese Geschichte aus unserer Familie niederzuschreiben, doch ohne Erfolg. Sobald ich mich ihr näherte, entglitt sie mir sogleich wieder. Es schien, als sei die Zeit noch nicht reif, sie in Worte zu fassen, sie literarisch zu gestalten.
Als die magische Zahl von vierzig Jahren erreicht war, drängten sich mir die Erinnerungen geradezu auf. Erfreut packte ich meine alte Schreibmaschine aus und begann zu tippen. Im Adlersuchprinzip kreiste ich die Buchstaben ein. Während die Ereignisse bis dato nicht zu greifen waren, kam nun mein rechter Zeigefinger angesichts der drängenden Gedanken mit Tippen kaum noch mit. Was mochte diesen Sinneswandel veranlasst haben?
Vermutlich nahm die Familiengeschichte Rücksicht auf ihre Akteure: Mein Vater, mein ältester Bruder, mein Cousin, der Stammesälteste, der Großonkel, der begleitende Scheich, die vier Würdenträger, die das Dokument unterzeichnet hatten, und nicht zuletzt der Feuerproberichter, sie alle sind nicht mehr am Leben. Vielleicht erreichen Geschichten aus der Wüste ihre Reife auch erst nach einer Generation.
Brauchten Moses und sein Volk nicht auch vierzig Jahre, um sich in der Wüste Sinai zu läutern?
Das Schreiben rief Ereignisse wach, die für mich und meine Sippe schicksalsbestimmend waren. Trotz der räumlichen und zeitlichen Distanz durchlebte ich das Geschehen in all seinen Höhen und Tiefen noch einmal.
Zwei Wadis durchziehen unser Stammesgebiet, der Ostwadi und der Westwadi. Beide entspringen in der Westbank. In der Mitte des Stammesgebietes vereinigen sie sich zu einem Hauptwadi, der nach mehreren Kilometern in das breite Flussbett von Beer-Sheva mündet. Dieses ist über den berühmten Gaza-Wadi mit dem Mittelmeer verbunden.
Wenn in den Regenmonaten des Winters die Wadis Wasser führen, sprießen an ihren Ufern Gräser, Kräuter und Blumen. Mensch und Tier stillen ihren Durst und schonen für Wochen die kostbaren Wasservorräte der Zisternen und Brunnen. Die Wasseradern spenden Leben in der Wüste.
Haben die Kinder ihre Wasserschläuche gefüllt, so gönnen sie sich gerne ein Bad, planschen ausgelassen in den Wasserkuhlen und tunken sich gegenseitig unter.
In der Frühlingszeit sind die grünbewachsenen Ränder der Wadis mit ihren zerklüfteten Böschungen und Felsvorsprüngen nicht nur ein bevorzugter Platz der Hirten und ihrer Herden, sie werden auch von Lieben- den aufgesucht. Zahllose Geschichten und Gedichte der Beduinen ranken sich um diese Verstecke, in denen man nicht nur den Durst nach Wasser, sondern auch das Verlangen nach Liebe zu stillen sucht.
Der Traum eines jeden Hirten geht in Erfüllung, wenn sein Kopf in dem Schoß der Geliebten ruht und seine Augen sich am Anblick der weidenden Tiere ergötzen. Sucht ein junger Hirte des Öfteren einen bestimmten Wadi auf, so vermutet man eine Liebesspur.
Doch der Wadi birgt auch Gefahren in sich. Nach heftigem Regen werden in kürzester Zeit aus Rinnsalen reißende Fluten, deren Wellen höher schlagen als die mittlere Zeltstange. Nicht umsonst wird der Respekt vor den Wasserfluten den Kindern von klein auf beigebracht. Wie oft betrachteten wir Kinder vom nahen Hügel aus dieses Naturschauspiel. Noch vergnüglicher und spannender wurde es für uns Kinder, wenn Stammesbewohner den überfluteten Wadi überqueren mussten.
Eines Winters, es war in den Fünfzigerjahren, hatte sich der Regen verspätet. Das Saatgut, das die Vögel übrig gelassen hatten, lag verdorrt in der Erde, die Trockenheit schien kein Ende zu nehmen. Das Verlangen von Mensch und Tier nach Wasser wuchs von Tag zu Tag. Zwar war der Himmel mit dunklen Wolken bedeckt, doch spendeten sie keinen Regen, der Wind trieb sie davon.
Eines Nachts, es mag schon gegen Ende des Winters gewesen sein, setzte der Regen mit aller Kraft ein. Wieder einmal bestätigte sich der Spruch unserer Vorfahren: Der Regen ist wie ein Dieb, man weiß nie, wann er kommt.
Am Abend noch waren wir um die Feuerstelle geschart und bewirteten einen Gast von einem anderen Stamm. Gegen Mitternacht, nachdem dem Gast ein Nachtlager zugewiesen war, löste sich die gesellige Runde auf. Jeder legte sich auf seinen Schlafplatz, und allmählich breitete sich Stille im Zeltlager aus.
Als der erste Hahnenschrei das Morgengebet ankündigte, schien der Himmel sein Krähen zu erhören. Er öffnete seine Schleusen. Der Regen klatschte auf die ausgedörrte Erde und peitschte gegen das Zeltdach.
Im Nu waren alle Zeltbewohner auf den Beinen. Um ein Überfluten des Zeltes zu verhindern, stürzte meine Mutter mit der Hacke in der Hand hinaus und versuchte, die Regenrinne rund um das Zelt zu vertiefen. Währenddessen zurrte mein Vater die schwankenden Zeltseile fest und klopfte die Pflöcke tiefer in die Erde. Doch bald bahnten sich die ersten Rinnsale ihren Weg durch das Zelt und erreichten bereits die Feuerstelle. Das Brennmaterial wurde feucht. Kinder rollten die bunten Teppiche zusammen und stapelten sie in einer trockenen Ecke.
Mein Vater legte ein paar trocken gebliebene Holzscheite aufeinander und fachte das Feuer an, um mit Zimt gewürzten Tee zu kochen. Er überreichte dem Gast das erste Glas: »Der Tee wird dein Herz und deine Hände aufwärmen. « Während er den Kessel am Rand der Feuerstelle abstellte, gab er seiner Freude Ausdruck: »Nun ist der lang ersehnte Regen da, endlich füllen sich die Zisternen wieder mit Wasser. «
Der Gast schien diese Freude nicht ganz zu teilen. »Ich mache mir Sorgen um meine Familie. «
Mein Vater öffnete den Zelteingang. »Schau dir das Wetter an. Reiten kannst du nicht, dein Kamel würde ausrutschen und sich die Beine brechen. «
Der Gast wurde nachdenklich. »Ich werde die Strecke zu Fuß bewältigen. Mein Kamel hole ich bei Gelegenheit ab. «
Ohne weiter Zeit zu verlieren, verabschiedete sich der Besucher und machte sich auf den Weg.
Es dauerte nicht lange, da stand der Gast wieder vor dem Zelt, aufgeregt schnaufend. »Ich benötige eure Hilfe. Der Wadi ist überflutet, die Wellen schlagen hoch. «
»Du kannst auf unsere Hilfe zählen«, beruhigte ihn mein Vater und rief eine Handvoll Männer zusammen. Mit hochgeschürzten Gewändern und Seilen in den Händen stapften sie über den aufgeweichten Boden in Richtung Wadi. Wir Kinder liefen ihnen laut johlend nach.
Mächtige braune Fluten rauschten durch den Wadi, die Wellen brachen sich an der Uferböschung.
erstellt am: 06.09.07
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