Letzte Aktualisierung: 18.07.2012

 



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Polarfeuer
von Rytchëu, Juri <Übersetzt von: Leetz, Antje> (Russland)

Genre:

Roman

Stichwörter:

Tschuktschen, Russland, Oktoberrevolution

Verlag:

Unionsverlag

ISBN:

3-293-00375-0

Format:

gebunden, 352 S.

Erscheinungsjahr:

2007

Preis:

€ (D) 19,90 / sFr 34,90



Buchbesprechung

Während Juri Rytchëu in seinen ersten Erzählungen die tchuktschische Welt in der originär-naiven Sichtweise der Bewohner darstellt, hat er sich in diesem Roman des ersten Umbruchs dieser Welt, der russischen Oktoberrevolution, angenommen; er beschreibt, wie die Revolution mit sich langsam vortastenden, schlangengleichen Fingern die Welt der Tschuktschen ergreift, wie sie langsam das Leben zu verändern beginnt und auf welche Abneigungen, aber auch welch günstige Bedingungen sie stieß.
Und wie immer versteht er es, die Ereignisse fesselnd darzustellen.


Inhalt:
Der Kanadier John MacLennan hat sich für ein Leben bei den Tschuktschen entschieden. Eine Schamanin hat ihm nach einem Unfall das Leben gerettet, seither hat er diese uralte Kultur kennen- und lieben gelernt. Aber die »Zivilisation«, die er hinter sich gelassen hat, um eine erfüllte Zukunft bei den Tschuktschen zu finden, holt ihn ganz unerwartet wieder ein: Der äußerste Osten Sibiriens wird von den Umwälzungen der Russischen Revolution erfasst. John McLennan gerät in den Strudel der Weltgeschichte, sein Lebensglück steht auf dem Spiel.

Vorwort
Polarfeuer ist die Fortsetzung des Romans Traum im Polarnebel, der von den Abenteuern des jungen kanadischen Seemanns John MacLennan erzählt. John MacLennan, der seiner Natur nach ein Romantiker war, gehörte zur Mannschaft des Walfischfängers Belinda, der im September 1910 am Kap Enmyn, am Nordufer der Tschukotka-Halbinsel, vom Eis eingeschlossen wurde. Die Seeleute versuchten das Eis, das das kleine Schiff einzwängte, mit Dynamit zu sprengen. Durch eine unvorhergesehene Explosion wurden John MacLennan beide Hände zerfetzt. Die Tschuktschen erklärten sich bereit, den Verwundeten in ein Krankenhaus, Hunderte Meilen entfernt in der Kreisstadt Anadyr, zu bringen. Unterwegs bekam John MacLennan Wundbrand. In einem Nomadenlager in der Tundra operierte ihn eine Schamanin und rettete so dem jungen Kanadier das Leben. John MacLennan kehrte an die Küste von Enmyn zurück, aber die Belinda war bereits weggefahren, obwohl der Kapitän versprochen hatte, auf John zu warten. Erschüttert von dem Verrat seiner Landsleute beschloss John MacLennan, in Enmyn zu bleiben. Er zog in die Jaranga eines jungen Tschuktschen, der ihm das Jagen beibrachte und die Menschenwürde zurückgab. Aber ein Unglück geschieht: Unbeabsichtigt tötet John seinen neuen Freund. Wie es der Brauch will, heiratet er die junge Witwe Pylmau und beschließt, für immer bei den Tschuktschen zu bleiben, die ihm lieb und teuer geworden sind. Nicht einmal seine Mutter, die eigens angereist kam und ihn anflehte, doch in die Heimat, zu dem gewohnten Leben der Weißen zurückzukehren, kann ihn umstimmen. Bevor sie nach Kanada zurückfährt, sagt sie ihm: »Lieber sehe ich dich tot als so. «
Dem Roman Polarfeuer war, obwohl kurz nach Traum im Polarnebel erschienen, ein schweres Schicksal beschieden. Unter der sowjetischen Zensur musste ich einige Stellen umschreiben und, was das Schlimmste war, das Ende des Romans streichen...
Der vorliegende Text ist die erste vollständige, unverfälschte Fassung.
Juri Rytchëu
März 2000


Der Autor:
Juri Rytchëu
wurde 1930 in Uëlen, im äußersten Nordenosten Sibiriens, als Sohn eines Jägers geboren. In einer alten tschuktschischen Behausung inmitten der alten Bräuche wuchs er auf. Erste Kontakte mit Russen und dem Russischen hatte er durch Seeleute, die hier manchmal anlegten, mit den Wissenschaftlern der Polarstation, dann aber vor allem in der Schule. Nach deren Beendigung arbeitete er als Gelegenheitsarbeiter, absolvierte ein örtliches Lehrerbildungsinstitut und studierte schließlich als offizieller Delegierter des Nationalkreises der Tschuktschen bis 1954 an der Fakultät der Nordvölker in Leningrad.
Anfang der Fünfzigerjahre erschienen seine ersten Erzählungen in tschuktschischer Sprache, bevor sie – später teils von ihm selber – ins Russische übersetzt wurden. Heute schreibt er seine Prosa auf russisch und übersetzt sie nur noch selten ins Tschuktschische. Während er also sprachlich eine Entwicklung vom Tschuktschischen zum Russischen vollzog, ging er inhaltlich um so mehr in die Geschichte seines Volkes und dessen mündliche Überlieferungen zurück.
Juri Rytchëu lebt in St. Petersburg, ist aktiv in verschiedenen Organisationen der arktischen Völker und ist Herausgeber des UNESCO-Bandes »Die Völker der Arktis erzählen über sich selbst«.


Mehr über den Autor in Wikipedia

Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Der Mondhund
Die Suche nach der letzten Zahl
Die Reise der Anna Odinzowa

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
»Ich bin Amundsen!«, stellte sich der hochgewachsene Mann vor, als er den Tschottagin betrat. Er war über und über mit Schnee bedeckt. Das Gesicht wirkte schwarz im Kontrast zu dem weiß gefrorenen Schnurrbart, den bereiften Brauen und dem weißen Wolfspelz.
»Kommen Sie rein!«, sagte John leise, verblüfft über diese sonderbare Begegnung.
Langsam tauchten in seiner Erinnerung die vor langer Zeit gelesenen Zeitungsberichte auf, in denen der Name des mutigen Norwegers, der als Erster die Nordwestpassage bezwang, genannt wurde. Auf den Fotos hatte Amundsen damals einen Eskimoparka getragen und Schneeschuhe in den Händen gehalten. Aber er war auch in einem strengen schwarzen Gehrock mit zwei Knopfreihen abgebildet gewesen.
Das war er also, Vilhjálmur Stefánssons glücklicher Rivale! Das war der Mensch, von dem die ganze Welt sprach!
Amundsen ging vorsichtig tiefer in den Tschottagin hinein und schaute sich neugierig um. Seine gerade und große Nase wies den Augen den Weg. Die Lippen, auf die vom Schnurrbart tauende Eisstückchen herabfielen, zitterten.
»Ich freue mich, Sie bei mir begrüßen zu können«, murmelte John.
Pylmau sah ihren Mann beunruhigt an. Sie erkannte ihn nicht wieder. Niemals, bei keinem einzigen weißen Menschen, war John so verstört gewesen. Als ob der märchenhafte russische Zar selbst gekommen wäre, den sie, so erzählte man, von seinem hohen goldenen Thron gestoßen hatten.
Amundsen schlug die Kapuze des Parkas zurück, wischte mit der Hand den restlichen Raureif von Schnurrbart und Brauen und lachte breit, wobei er die Zähne entblößte, die so groß und weiß waren wie bei einem jungen Walross.
»Ich freue mich ebenfalls, Sie kennenzulernen«, sagte er. »Ich habe von Ihnen in der Zeitschrift National Geographie gelesen. Ehrlich gesagt, habe ich an Ihre Odyssee nicht geglaubt. Ich dachte, das sei wieder einmal so eine schöngefärbte Legende aus dem hohen Norden... Übrigens, ich habe Ihnen eine Nummer mitgebracht. « Amundsen reichte John die Zeitschrift. »Aber ich bin sehr froh, dass ich mich geirrt habe. Ich entschuldige mich nicht, dass ich hier so überraschend reingeplatzt bin. Als echter Nordländer werden Sie mir Ihre Gastfreundschaft nicht verwehren, denke ich. «
»Natürlich nicht«, rief John, der sich noch nicht von seiner Verlegenheit und Verwirrung erholt hatte. »Fühlen Sie sich wie zu Hause!«
John rief Pylmau leise zu sich und bat sie, dem Gast ein Bett aus Eisbärfell herzurichten.
Amundsen zog seine Oberbekleidung aus und klopfte sorgfältig den Schnee ab, wobei er geschickt das dafür vorgesehene Rentiergeweih benutzte. Dann kroch er in den Polog. Er nahm fast die ganze Länge vom Fellvorhang bis zur Tranlampe ein.
John bat Pylmau, das Kämmerchen herzurichten, in dem zuletzt Bob Carpenter gewohnt hatte, und kroch ebenfalls in den Polog. Er fühlte eine eigenartige Neugier, gemischt mit Begeisterung und einer gewissen Scheu, in sich aufsteigen.
In der Ecke, unter dem schwarzen Holzgesicht des Gottes, saß Jako, er umarmte seine kleinen Geschwister und schaute mit Wolfsaugen auf den unerwarteten Gast.
»Keine Angst«, beruhigte John die Kinder, die drauf und dran waren loszuheulen, »unser Gast ist ein guter Mensch. «
Amundsen reichte den Kindern Bonbons. Als der mutigste erwies sich Bill-Toko, der sofort nach dem glänzenden Papier griff und sich damit den verurteilenden Blick des großen Bruders einhandelte.
John bat den Gast noch einmal, es sich bequem zu machen, und trat hinaus in den Tschottagin, um seiner Frau zu helfen.
»Wer ist das?« Pylmau deutete mit dem Kopf zum Fellvorhang.
»Das ist Amundsen!«, sagte John mit ehrfurchtsvoller Stimme. »Du kannst dir nur schwer vorstellen, was das für ein Mensch ist!«
Pylmau kniff die Augen ein wenig zusammen und warf ihrem Mann einen unbehaglichen Blick zu, ganz seltsam war er geworden in seiner übermäßigen Aufgeregtheit und Geschäftigkeit.
Schweigend holte er ein unzerteiltes Stück Robbenfleisch aus dem Fass und schnitt ein Stück vom Rentierspeck ab, der an der Decke hing. Pylmau entfachte im Tschottagin ein so großes Feuer, dass sich die Hunde, die zusammengeringelt dalagen, streckten und aus ihrem süßen Schlaf aufwachten. Der Geruch des Essens hatte sie aufgerüttelt.
»Ich hab noch schwarze Bohnen übrig. « Pylmau zeigte John ein Leinensäckchen, in dem sich ein halbes Pfund gerösteter Kaffee befand.
»Großartig!«, rief John und gab seiner Frau spontan einen Kuss auf die Wange.
Pylmau errötete und sagte vorwurfsvoll: »Du bist wie ein Kind. «
Amundsen benahm sich ungezwungen. Er fühlte sich in der Tat wie zu Hause. Aber John ärgerte sich über seine eigene Verkrampftheit. Er schämte sich vor Pylmau und den Kindern, die mit ihren scharfen Augen seine Aufgeregtheit natürlich sahen.


erstellt am: 15.12.2007

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