Letzte Aktualisierung: 18.07.2012

 



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Festung Breslau

Die Stadt im Westen

Moskauer Märchen
von Kabakow, Alexander <übersetzt von: Umbreit, Hannelore> (Russland)

Genre:

Roman, Erzählungen

Stichwörter:

Moskau heute

Verlag:

Pereprava

ISBN:

978-3-9501769-6-4

Format:

gebunden, 264 S.

Erscheinungsjahr:

2007

Preis:

€ (D) 22,00 Euro / € (A) 22,50 / sFr 40,00



Buchbesprechung

Witz, Humor, Satire, Groteske zu schreiben, kann man nicht lernen, das muss einem Schriftsteller quasi in die Wiege gelegt worden sein. Geistvoll, hintersinnig, gehaltvoll zu sein, mit spitzer Feder reizen – nicht grob verletzen, dem Leser ein stilles Lächeln oder gar ein herzhaftes Lachen abringen und ihn doch zum Nachdenken bringen, und doch klar zu kritisieren ohne zu klagen, gar zu lamentieren – das bedarf dann aber auch großer Übung.
Ein solcher Könner ist ohne Zweifel Alexander Kabakow.
Sicher hilft dabei „die russische Seele“, die russische Mentalität. Sich selbst und auch die harten Fakten des Alltags nicht so ganz ernst zu nehmen, liegt diesem Volk im Blut, weshalb es schon in der Vergangenheit bis heute auch so viele herausragende Schriftsteller dieses Genres bei ihnen gegeben hat und gibt. Und Kabakow ist ganz sicher einer von ihnen.
Ganz besonders der, der Zeit, Umstände und das Leben in – in diesem Fall – Moskau kennt, wird seine wahre Freude an diesem Buch haben. Aber auch die „Nichtkenner“ Moskaus und der russischen Seele werden begeistert sein, was wiederum die große Kunst von Kabakow beweist.
Er verknüpft – oder besser: er lässt unmerklich ineinander gleiten – Märchen und Bericht, verknüpft die eigentlich einzelnen Episoden und kommt letztendlich zu einer romanhaften Beschreibung der Gesellschaft, die er aufs Korn nimmt; auch dieser Wurf ist meisterhaft gelungen.
Ich habe lange nicht mehr so sehr geschmunzelt.

Diese vielen Feinheiten aus einer Sprache in eine andere zu transponieren – ich vermeide bewusst das Wort „übersetzen“ –, bedarf es aber auch eines außerordentlichen Sprachgefühls; und an dieser Stelle muss man die Übersetzerin Frau Dr. Hannelore Umbreit erwähnen. Ihr Anteil an an diesem wunderbaren deutschen Buch ist sicher nicht weniger groß als der des Autors.



Inhalt:
Der Besitzer eines Moskauer Nachtklubs und ein Neureicher, in seinem protzigen japanischen Geländewagen viel zu schnell unterwegs, ein Verkehrspolizist und die reizende Olessja Grunt, aber auch der bekannte Politiker N., dessen Namen wir nicht zu nennen brauchen, oder ein stadtbekannter junger Mann mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten, sind einige der Personen, die in den Moskauer Märchen unglaubliche Abenteuer und Schicksale erleben und erleiden. Wir werden an alte Geschichten wie etwa Rotkäppchen, den fliegenden Holländer, den Turmbau zu Babel, den Froschkönig, den Flug des Ikarus oder den fliegenden Teppich erinnert. Doch hier nehmen sie völlig überraschende Wendungen und führen zu einem unerwarteten Ende. In guter russischer, an die Werke von Nikolaj Gogol erinnernder Tradition, verpackt Kabakow seine kritische Schilderung der Moskauer Gesellschaft in schaurig-schöne, unterhaltsame Geschichten von Geistern, übernatürlichen Mächten und seltsamen Begebenheiten.

Der Autor:
Alexander Kabakow
wurde 1943 in Sibirien geboren. Nachdem er das Studium der Mathematik an der Universität absolviert hatte, arbeitete er fünf Jahre lang als Ingenieur in einem Projektbüro. Seit 1972 ist Kabakow Journalist. In den Jahren der Perestrojka war er stellvertretender Chefredakteur der Moskovskie Novosti, später u.a. als Exklusivkorrespondent und Abteilungsleiter im Verlagshaus Kommersant und Kommentator der Stolichnaja vechernaja gazeta tätig.
In den 1980er Jahren veröffentlichte er humoristische Erzählungen und erhielt dafür mehrere Literaturpreise. Seine antiutopische Novelle „Kein Zurück“ (Dt.: Fischer, 1990) wurde in alle europäischen Sprachen übersetzt und auch in den USA, Japan und China veröffentlicht. Auf Deutsch ist weiters u. a. „Schlag auf Schlag“ (Ullstein Verlag, 1991) publiziert worden.
1999 erhielt Kabakow den Preis „Die besten Federn Russlands“ vom Russischen Presseverband. Für den Zyklus „Moskauer Märchen“ wurde Kabakow mit dem Preis „Prosa des Jahres“, vergeben von einer Jury aus Verlegern und Journalisten auf der Moskauer Buchmesse 2005, ausgezeichnet.
Kabakow ist weder der KPSS, noch irgendeiner anderen Partei beigetreten; Auch die Mitgliedschaft in der Schriftstellervereinigung und im PEN-Klub lehnte er ab. Er ist verheiratet und hat eine Tochter aus erster Ehe.


Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Die Übersetzerin:
Hannelore Umbreit
wurde 1950 geboren. 1974 erhielt sie ihren Abschluss als Diplom-Übersetzerin und -Dolmetscherin für Russisch und Englisch an der Universität Leipzig, 1979 Promotion. Sie ist tätig am Institut für Sprach- und Übersetzungswissenschaften der Universität Leipzig mit Lehrverpflichtungen in den Disziplinen allgemeinsprachliches Übersetzen, literarisches Übersetzen sowie Ubersetzungswissenschaft. Daneben ist Hannelore Umbreit langjährig Übersetzerin für russische Gegenwartsliteratur.

Alle Veröffentlichungen der Übersetzerin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

An dieser Stelle einige Sätze zum Pereprava Verlag:
Es ist bewundernswert, dass in unseren Zeiten der ungehemmten Konzentration auf dem Buchmarkt (man könnte es auch viel negativer ausdrücken) ein kleiner Verlag sich zur Aufgabe gemacht hat, wertvolle Literatur der Gegenwart aus Russland uns deutschen Lesern zugänglich zu machen, ohne sich nur die Rosinen – sprich ganz großen Namen – „aus dem Kuchen zu picken“. Und das noch zu einer Zeit, in der die großen Mediengewaltigen ihre große Liebe zu Amerika zeigen und alte, längst verschwunden geglaubte Feindbilder wieder aus der Mottenkiste holen.
Das russische Wort »переправа« (pereprava) bedeutet »(über einen Fluss) übersetzen«, im übertragenen Sinn soll es heißen „eine Brücke schlagen“ zwischen …. (in unserem Fall natürlich den russischen und deutschen Menschen).


Bemerkungen:
Weitere Bücher aus dem Pereprava Verlag, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Die Einzige - Nadeschda Allilujewa - Stalins Frau
Autodidakten
Deutsche
Der letzte Eber aus den Wäldern Pontevedras


Leseprobe:
Der Holländer

Zum ersten Mal wahrgenommen wurde er etwa eine Stunde vor Mitternacht (im Protokoll stand: „um die 23. 00 Uhr herum") auf dem Kutusow-Prospekt. Es war Januar, Schneeschlangen krochen über die zu dieser Zeit bereits leere Regierungstrasse, der Traffic - pardon, reine Faulheit, dass ich kein heimischeres Wort dafür setze, aber ist ja schließlich auch schon so gut wie russisch, oder? - bestand nur noch aus ein paar Autos der teuersten Marken und Modelle, die in Richtung der berühmten Vororte rasten, und einem einsamen Moskwitsch 412, der sich unbeirrt irgendwohin vorwärts schleppte. Sein schiefer Dachgepäckträger war mit allerlei Kram beladen, sämtliche Kotflügel bibberten vor Kälte, die verdreckten Scheinwerfer blinzelten wie im Halbschlaf. Stadteinwärts fuhr überhaupt niemand, nur ein schreckhafter Gasel huschte so scheu, wie es der Markenname „Gazelle" gebot, in der rechten Spur vorüber und bog in eine dunkle Gasse ein, um seinen kleinen Großhandelsgeschäften nachzugehen.
In diesem Moment fing alles an.
Der tragische Held des Geschehens, das sich wenig später in dieser Gegend abspielen sollte, fuhr stadtauswärts, ganz links, mit überhöhter Geschwindigkeit und unter Verletzung einer Reihe weiterer Verkehrsregeln, denn eigentlich fuhr er nicht auf der linken Spur, sondern bereits auf dem VIP-Streifen, den nur Regierungsfahrzeuge benutzen durften, die - nicht einmal ordnungsgemäß genehmigte - Lichtsignalanlage war eingeschaltet, unser Held sturzbetrunken und zudem noch so high, dass von Durchblick keine Rede mehr sein konnte. Klarer Fall, mehr muss nicht gesagt werden. Der Fahrer hieß Ruslan Iwanowitsch Abstulchanow, und warum er sich mit seinem protzigen japanischen Jeep so verkehrswidrig verhielt, weiß allein der allmächtige und allwissende Allah, wenn der es nicht auch schon vergessen haben sollte, denn die Geschichte liegt bereits eine Weile zurück, und schließlich sickern solche Informationen nur tröpfchenweise durch.
Wieso hatte Ruslan Iwanowitsch im Nachtclub - er gehörte übrigens einem guten Bekannten, dem Abgeordneten und progressiven Youngster Woloditschka Trofimer, aber um den geht es ein anderes Mal -, wieso also hatte Ruslan Abstulchanow, den sowohl seine Freunde als auch die Rechtsschutzorgane der Bequemlichkeit halber meist einfach Abstul nennen, in diesem Nachtclub Whisky schlürfen, Kokain schnupfen und am Ende noch mit Champagner nachspülen können, wo doch besagter Allah das alles kategorisch verbietet? Na ja, den Whisky liebt Abstul sowieso, das weiß jeder, der Koks war an diesem Abend gerade besonders sauber, und der Champagner echter französischer, für den blättert man schon im Supermarkt einen Hunderter hin, und erst recht in so einem Etablissement ... Aber weshalb musste er sich dann noch hinters Steuer klemmen? Keine Ahnung. Oder richtiger: Ich ahne etwas, kann es Ihnen aber nicht richtig plausibel machen. Er darf das einfach, verstehen Sie? Er, Abstul, darf betrunken auf der durchgezogenen Mittellinie fahren - und fragen Sie bloß nicht: Warum denn auf der Mittellinie, wo doch die ganze Straße frei ist? -, er, dieser Abstul, darf mit einhundertsechzig Sachen losbrausen, darf sein nicht genehmigtes Blaulicht blinken lassen, weil das Leben so eingerichtet ist, zugeschnitten für ihn und seinesgleichen, aber eben nicht für Sie. Also wirklich, was machen Sie denn für ein Gewese?! Und Allah hat damit nicht das Geringste zu tun, der ist schließlich ein Gott und muss für alle da sein. Abstul hatte Lust aufs Trinken, also hat er getrunken, hat Koks geschnupft, sich mit den von Freund Woloditschka spendierten Damen amüsiert, und dann überkommt ihn die Lust, mit dem Jeep nach Hause zu fahren, also steigt er ein und braust los. Wenn Sie sich dagegen nie betrunken ins Auto setzen und Kokain höchstens aus dem Kino kennen, hat das schon seine Richtigkeit, so was ist nichts für Ihresgleichen, bleiben Sie mal immer schön sauber.
Das dazu. Jetzt aber weiter im Text.
Der Jeep raste auf der Mittellinie, Moskaus üppige nächtliche Lichter glänzten neben und über der Straße, unser Held hielt einwandfrei Kurs (das muss man ihm lassen), auch wenn er von Zeit zu Zeit einnickte, hochschreckte, krampfhaft überlegte, wohin er eigentlich fuhr, wieder einschlief, während das schwere Auto vorwärts schoss ...
Plötzlich spürte Abstul, dass er nicht allein war, dass ihn jemand beobachtete, so als habe sich der Spion in einer Zellentür lautlos geöffnet.
Zuerst schaute Abstul nach rechts: Niemand da, nur der leere lederne Beifahrersitz, das dunkel getönte Seitenfenster und dahinter der öde Kutusow-Prospekt.
Als Abstul nun nach links schaute, erblickte er einen Kombiwagen des Typs, den die hiesigen Autofans „Scheune" nennen. In Europa benutzen ihn liebend gern Großfamilien, in Russland dagegen hauptsächlich Geschäftsleute, die zwar natürliche, aber keine juristischen Personen darstellen, sondern einfach auf Märkten Krempel verhökern, der sich in so einer Scheune bestens transportieren lässt. Dieser Typ Auto fürs Volk, den Abstul jetzt links von sich zu sehen bekam, erreichte die höchste Vorkommensdichte in Russland etwa zehn Jahre nachdem die Produktion in Deutschland eingestellt worden war.
„Nicht übel", dachte Abstul, „ich habe einhundertsechzig drauf, und der auch, ich fahre auf der Mittellinie, der sogar hundertprozentig im Gegenverkehr. Wieso kann eine beschissene Scheune einhundertsechzig hinlegen und der Blödmann hat nicht mal Angst vor den Bullen? Und wie will der um den Triumphbogen herumkommen, verdammt noch mal, wenn's nur noch einen Kilometer bis dahin ist oder sogar weniger?"
Natürlich dachte Abstul nichts dergleichen, sondern einfach nur „nicht übel!", nein, das auch wieder nicht ... Aber jetzt haben wir keine Zeit mehr, über seine Gedanken zu spekulieren, denn vor uns taucht schon der imperiale Schatten des Triumphbogens auf.
Abstul packt das Lenkrad fester, zieht nach rechts auf die ordentliche Spur, lässt das Architekturdenkmal hinter sich, schielt in den linken Seitenspiegel und erwartet, dort ein sich mordsmäßig überschlagendes Auto zu sehen, wie in einem amerikanischen Film. Er lauscht, ob nicht bereits das Kreischen von Reifen oder ein metallisches Krachen und Splittern zu hören ist. Doch nein. Hinter Abstul liegt nur die dunkle, leere Straße, allein die Leuchtreklamen verströmen ihr fauliges Licht unter dem schwarzen Himmel, und der halbwegs genießbare Sender, der in Abstuls Autoradio immer eingestellt ist, spielt ein herzergreifendes Lied. Unser Held schüttelt kurz und energisch den Kopf, um endgültig munter zu werden, geht mit der Geschwindigkeit herunter, weil gleich die Ausfahrt zur Rubljowsker Chaussee kommt, und in einer halben Stunde wird er dann vor seinem Haus, oder wie man hier zu sagen pflegt, vor seinem Cottage halten, dessen Erdgeschoss praktisch fertig ist, dort wohnt schon Abstulchanows Familie, und im Sommer baut die Brigade alles zu Ende, dann besitzt Ruslan Iwanowitsch eine Immobilie, die sich durchaus sehen lassen kann im Vergleich zu dem, was die Nachbarn haben. Und das sind Leute, die selbst unter den illustren Anwohnern dieser elitären „goldenen Meile" der Hauptstadt etwas gelten. Danach wird er seine Brüder nach Moskau holen, damit sie die Stellung halten, während er sich endlich etwas Ruhigeres sucht, einen Club beispielsweise, so wie Woloditschka ...
Abstul brauchte nicht einmal den Kopf zu drehen, um die verfluchte Scheune zu sehen. Jetzt fuhr die Rostlaube rechts von ihm, gleichauf, Seite an Seite, und ließ ihn nicht in die Abbiegespur. „Donnerlittchen!" Ungefähr so etwas muss Abstul wieder gedacht haben. „Ich bin bei einhundertvierzig, und der auch, wo kommt die Kiste bloß so plötzlich her?!"
Eine Antwort auf diese wie auf alle früheren Fragen fand Ruslan Iwanowitsch nicht, konnte er gar nicht mehr finden, denn bereits im nächsten Augenblick sah er, was im Folgenden näher beschrieben werden soll, und verlor den Verstand.
Das Innere des Kombiwagens, der auf gleicher Höhe rechts neben Abstuls Jeep dahinraste, wurde plötzlich von grellem, in Schwaden waberndem bläulichen Licht erhellt, so als wäre nicht …….


erstellt am: 28.10.2007

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