Letzte Aktualisierung: 18.07.2012

 



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Die Stadt im Westen

Der falsche Engel
von Daschkowa, Polina <übersetzt von Ganna-Maria Braungardt> (Russland)

Genre:

Kriminalroman

Stichwörter:

Moskau, KGB, Doppelgänger

Verlag:

Aufbau

ISBN:

978-3-351-03214-2

Format:

gebunden, 425 S.

Erscheinungsjahr:

russisch 2001, deutsch 2007

Preis:

€ (D) 19,95 / sFr 38,60



Buchbesprechung

Bei Polina Daschkowa stimmt wirklich alles:
Ihre Kriminalromane sind spannend, geistvoll, hintergründig, hervorragend recherchiert. Und dass sie am Gorki-Literaturinstitut studiert, ursprünglich Lyrik geschrieben und dann als Journalistin gearbeitet hat, spürt man in jedem Satz.
Bei ihren Kriminalromanen kommt auch ein Literat zu seinem Recht.



Inhalt:
Julia ist Schönheitschirurgin in einer Privatklinik. Erst vor kurzem hat sie der berühmten Popsängerin Angela das zerschundene Gesicht wieder hergerichtet. Ein berüchtigter Mafiaboss hatte Angela in einem Anfall von Eifersucht zusammengeschlagen. Auch Julia lebt gefährlich, wenn sie zuviel über ihn weiß. Doch damit nicht genug: Eines Tages wird sie nachdrücklich vom Geheimdienst gebeten, in einer Klinik außerhalb der Stadt das Gesicht eines Patienten zu verändern - er soll die Identität eines anderen annehmen. Bei einer zufälligen Begegnung erkennt Angela in diesem neuen Gesicht den Mann, der Anlass für ihren handgreiflichen Streit mit dem Mafioso war.

Die Autorin:
Polina Daschkowa
, 1960 in Moskau geboren, ist die erfolgreichste Krimiautorin Rußlands. Sie hat das renommierte Gorki-Literaturinstitut absolviert und sich zunächst der Lyrik zugewandt. Daneben hat sie als Journalistin für Rundfunk und Presse sowie als Parlamentsberichterstatterin gearbeitet. Bevor ihr erster Roman herauskam, übersetzte sie auch Bücher aus dem Englischen. Polina Daschkowa lebt mit ihrem Mann, einem Dokumentarfilmer, und ihren zwei Töchtern in Moskau.

Bemerkungen:
Weitere Werke des Autors, vom Büchervielfraß vorgestellt:
Die leichten Schritte des Wahnsinnd
Für Nikita
Keiner wird weinen
Club Kalaschnikow
Russische Orchidee

Alle Veröffentlichungen der Autorin, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Eine weiße Flamme zuckte auf, aber vollkommen lautlos. Der Scharfschütze hatte einen Schalldämpfer aufgesetzt und feuerte ununterbrochen. Immer auf ein und denselben Punkt. Die weißen Blitze dehnten sich zu zitternden langen Strichen und flössen langsam dahin, zu langsam für eine Schießerei - wie es nur im Traum geschieht.
Sergej versuchte das Dickicht des Traums zu durchbrechen, er begann die Feuerstriche zu zählen, und bei sieben merkte er, dass seine Augen längst offen waren; es gab keine Schüsse, nur eine Reihe gleichförmiger eisiger Lichter.
Er spürte weder Arme noch Beine, er schien überhaupt keinen Körper mehr zu haben. Wahrscheinlich lag er noch am Fuß des kahlen Berges am Dorfrand, und sein Skelett wurde von verwilderten Hunden abgenagt, die sich zu Beginn des Krieges von ihren Ketten vor den verlassenen und verbrannten Häusern losgerissen hatten und nun in Rudeln über Tote und Lebende herfielen.
Major Loginow war tot, anders konnte es nicht sein. Er war gefallen, und seine unsterbliche Seele passierte nun einen langen schmalen Tunnel, flog hindurch wie eine Kugel durch einen Gewehrlauf, aber tausendmal langsamer. So war das also - wie schön, so still und überhaupt nicht beängstigend.
Indessen zersplitterte die Stille, und Sergej vernahm ein gleichmäßiges Gummigeraschel, dann entferntes, undeutliches Gemurmel. Die Geräusche traten allmählich hervor, wie die Konturen auf einem Abziehbild.
»Gib ihm einstweilen weiter Glucose und beobachte Blutdruck und Herz«, sagte ein munterer Bariton mit leichtem kaukasischem Akzent. »In ein paar Stunden, wenn die Narkose nachlässt, verabreichst du ihm was gegen die Schmerzen. Das wars, Katja, ich geh jetzt essen. Heute Abend schaue ich wieder bei ihm vorbei. «
»Alles klar, Hamlet Rubenowitsch«, antwortete ein heller Sopran eifrig.
»Alles klar, alles klar«, knurrte der Bariton, während er sich entfernte, »pass auf, dass seine Nähte anständig versorgt werden. Ich vollbringe nicht jeden Tag solche Wunder. Eine intrakortikale Transplantation, das ist was anderes, als eine Verstauchung richten. «
»Keine Sorge, Hamlet, geht alles in Ordnung!«
Die langen Lichter schwebten noch immer langsam über seinem Kopf dahin. Dann erschien ein junges rundes Gesicht mit blauen Augen, gelbblondem Schopf und kleinen Sommersprossen.
»Hallo«, sagte das Mädchen und lächelte, »wie fühlen wir uns?«
»Meine Beine«, hauchte er.
»Gib nicht an, dir tut noch nichts weh!« Das Mädchen schüttelte den Kopf und machte ein strenges Gesicht.
»Nein«, stimmte er zu, »es tut nichts weh. «
»Was hast du dann?«
»Sind Sie noch da?«
»Na klar!« Wieder ein Lächeln, übers ganze Gesicht -kleine, blendendweiße Zähne. »Intrakortikale Transplantation nach der Methode von Doktor Awanessow. «
Das klang rätselhaft, aber überzeugend.
Er atmete gierig durch die Nase ein. Es roch nach Kaliumpermanganat und Seife. Alles war seltsam und neu, selbst das eigene Atmen. Der Körper gewann an Gewicht, an Schwere, und irgendwo tief drinnen, im Knochenmark, erwachte der Schmerz. Er saß in den Beinen, kroch bis zur Leibesmitte und wurde schwächer. Dann begann schmerzfreies Gebiet. Der Rest war heil.
Das Rollbett blieb stehen. Der weiße Flur endete in einer grell erleuchteten Sackgasse.
Die Augen waren erschöpft vom Licht, die Lider schwer, die Decke schwankte und entschwebte. Sergej hörte neue Stimmen, nun wie aus der Ferne, obwohl er begriff, dass sie ganz nah waren, und spürte, wie er umgebettet wurde. Er versuchte sich zu bewegen, den Arm zu heben, aber sein Körper gehorchte ihm nicht.
»Zappel nicht so rum, ich muss den Tropf anbringen«, sagte die vertraute Frauenstimme direkt neben seinem Ohr. »Du bist im Hospital, auf der Intensivstation. «
»Was ist mit mir passiert?«
»Es ist jedenfalls vorbei. Jetzt ist alles in Ordnung. «
»Erzähls mir«, bat er, nur mit Mühe die Zunge bewegend, »wie bin ich hierhergekommen? Was ist das für ein Hospital?«
»Na schön. « Sie setzte sich auf einen Stuhl neben seinem Bett. »Reden darfst du noch nicht, aber zuhören schon. Ich werde reden, und du versuchst einzuschlafen. Gut?«
Er schloss zustimmend die Augen.
»Du lagst im Koma, du hast eine schwere Operation hinter dir. Das Schlimmste ist überstanden. Du solltest dich freuen wie ein Kind. Sie haben dich quasi Stück für Stück wieder zusammengeflickt. Anfangs war gar nicht daran zu denken, deine Beine zu retten. Manche haben bezweifelt, dass du überhaupt aus dem Koma erwachst. In diesem Zustand konntest du natürlich nicht operiert werden. Es wurde ein Konsilium einberufen. Und da erschien seine Majestät Doktor Awanessow. Er kam aus dem Urlaub, untersuchte dich und sagte: Warum amputieren? Neue Beine wachsen ihm schließlich nicht. Und weißt du, wie du deine Zustimmung geäußert hast? Du bist aus dem Koma erwacht. «
Zum ersten Mal seit Monaten schlief Major Loginow ruhig ein.


erstellt am: 07.10.07

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